Barrierefreiheit von Healthcare-Anwendungen früh mitplanen

Von Nicole Charlier, akquinet tech@spree GmbH

In unserem Beitrag „Neue Medical Device Regulation – Was Software-Hersteller wissen sollten“ wurde bereits vorgestellt, wann eine Softwareanwendung als Medizinprodukt gilt. Als solches fällt die Anwendung unter spezifische Normen und muss daher auch bestimmte Anforderungen an die Barrierefreiheit erfüllen. In vielen weiteren Bereichen, in denen digitale Anwendungen zum Einsatz kommen, sind Anforderungen an die Barrierefreiheit dagegen nicht gesetzlich vorgegeben, dennoch aber sinnvoll.In jeder Softwareentwicklung tragen sie dazu bei, die Nutzbarkeit des Produkts zu verbessern. In diesem Beitrag soll es um Softwareanwendungen gehen, die als Medizinprodukte zum Einsatz kommen sollen. Was macht sie barrierefrei und worauf ist zu achten, wenn Hersteller eine solche Anwendung auf den Markt bringen möchten?

Was ist Barrierefreiheit im Kontext einer Software-Anwendung?
Barrierefreiheit allgemein bedeutet, für alle Menschen einen umfassenden Zugang und uneingeschränkte Nutzungschancen zu allen gestalteten Lebensbereichen zu ermöglichen. Barrieren gibt es auch im digitalen Bereich, also auf Webseiten, Apps, Touchscreens oder anderen Software-Anwendungen. Man denke an ein Terminal, wo Bahntickets erworben werden, an eine App zum Messen des Blutdrucks oder das Tablet zur Bestellung im Restaurant. Meist entsteht beim Thema „Barrierefreiheit“ das Bild eines Menschen im Rollstuhl im Kopf. Aber auch ältere Menschen oder Menschen mit geringeren Sprachkenntnissen sollen einen uneingeschränkten Zugang zu allen Lebensbereichen und damit auch zu digitalen Anwendungen erhalten.

Arten von Einschränkungen
Um bei der Software-Entwicklung die Barrierefreiheit in allen Dimensionen mitzuplanen, hilft es vier Arten möglicher Einschränkungen zu beachten: visuelle, akustische, motorische und kognitive Einschränkungen. Zu visuellen Barrieren einer digitalen Anwendung zählen unter anderem mangelhafte Farbkontraste, visuell versteckte Inhaltsbereiche oder fehlende Alternativtexte für Grafiken, zu kleine Schriftgrößen, zu schwache Kontraste oder barrierereiche PDF-Dokumente. Akustische Barrieren können beispielsweise Videos ohne Untertitel, Tonaufnahmen ohne Erläuterung oder eine laute Umgebung sein. Motorische Barrieren entstehen, wenn eine Tastatur nur eingeschränkt bedient werden kann oder der Fokus nicht sichtbar ist. Eine kognitive Barriere liegt vor, wenn die Sprache unnötig schwierig ist oder die Navigation nicht intuitiv ist, erklärende Menüs und Gliederungen fehlen. Neben den vier Arten möglicher Einschränkungen und den daraus resultierenden Barrieren spricht man von situativen, kurzfristigen oder permanenten Einschränkungen. Eine permanente Einschränkung wird meist als Behinderung bezeichnet. Eine situative Einschränkung ist es, wenn beispielsweise nur eine Hand zur Bedienung eines Touchscreens frei ist, weil die andere eine Tasche oder einen Haltegriff hält. Eine kurzfristige Einschränkung kann z. B. durch eine Verletzung entstehen.

Warum ist im Healthcare-Bereich Barrierefreiheit so wichtig?
Im Gesundheitsbereich gibt es schon heute unzählige digitale Anwendungen, sei es in Kliniken, Praxen, Pflegeeinrichtungen oder am eigenen Körper. Neben Smartphone-Apps für Migräne- oder Krebs-Patienten kann man hier auch an Insulinpumpen oder Blutdruckmessgeräte denken. Ein Teil der digitalen Anwendungen, die als Medizinprodukte gelten, wird ausschließlich vom Fachpersonal bedient, ein anderer von Patient*innen selbst. Die stärkere Einbeziehung der Patient*innen in das Versorgungsgeschehen ist vom Gesundheitswesen gewünscht und wird gefördert. Eine Anwendung wie die elektronische Patientenakte (ePA) soll von allen deutschen Bürger*innen nutzbar sein. Jede Bürger*in kann ihre Patientenakte selbst einsehen und sie mit behandelnden Ärzt*innen teilen. Daher haben Usability und Barrierefreiheit gerade hier einen besonders großen Stellenwert. In den kommenden Jahren wird diese bereits begonnene Digitalisierung nach Wunsch der Regierung weiter stark voranschreiten. Die Voraussetzung ist aber, dass der Nutzen solcher Anwendungen die Risiken überwiegen muss. Als Nutzen reicht es nicht aus, dass der digitale Prozess nur für Krankenkassen, Ärzte und Kliniken einen Vorteil darstellt. Er muss den Bürger*innen helfen und dazu beitragen, ihre Gesundheit zu erhalten oder zu verbessern. Denkt man an Anwendungen wie die ePA, liegt auf der Hand, dass im Bereich der Medizinprodukte die Datensicherheit das größte Risiko darstellt. Dies gilt auch für das eRezept oder die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Der Nutzen für die Bürger*innen, der hier entstehen soll, wird insbesondere über Aspekte wie Usability und Barrierefreiheit ermöglicht.

Gesetzliche Regelwerke und Grundlagen
Wie die Barrierefreiheit in der Entwicklung digitaler Medizinprodukte genau umzusetzen ist, regeln die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.0 und 2.1 sowie die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) 2.0. Dort können Entwicklungsteams spezifisch nachlesen, auf was zu achten ist. Beispielsweise ist dort vorgegeben wie die Kontrastfähigkeit der Anwendung gestaltet werden sollte oder wie sich alternative Bildtexte entwickeln lassen. Im BITV-Leitfaden lässt sich für ein Projekt eine Punktezahl ableiten, die den Grad der Barrierefreiheit zusammenfassend anzeigt.

Umsetzung und Entwicklung
Das Wichtigste bei der barrierefreien Softwareentwicklung sind immer die Zielgruppen, die ich als Entwickler*in in allen Phasen des Projekts einbeziehen muss, sei es durch Befragungen oder idealerweise durch Tests unter möglichst realen Bedingungen. Hierbei sollten immer auch unterschiedliche Designvarianten geprüft werden, um mögliche Barrieren gut sichtbar zu machen. Zudem sollten die Tests unter unterschiedlichen Bedingungen durchgeführt werden, wie zum Beispiel auf verschiedenen Endgeräten oder in anderen Umgebungen. Mit Nutzertests und den o.g. Guidelines lassen sich die Barrieren entdecken und können dann behoben werden.

Barrierefreiheit mit Projektstart als Qualitätsziel einplanen
Unfälle, schwere Erkrankungen und das Älterwerden dürfen nicht zu einer Ausgrenzung der Betroffenen führen. Wir sollten uns dabei immer bewusst sein, dass entstehende Einschränkungen uns alle einmal betreffen können. Wichtig, dass wir Barrierefreiheit von Beginn an immer mitdenken, mit in Entwicklungsprojekte für digitale Anwendungen einkalkulieren und die Projekte auch so umsetzen. Idealerweise ist Barrierefreiheit ein explizites Qualitätsziel und wird als solches in das Projekt zu Beginn eingeplant.

Weitere Informationen der German UPA.