KIM: Wie läuft die Entwicklung des neuen IT-Produkts für die Gesundheitswirtschaft?

Joachim Reinke

Mit dem neuen Kommunikationsstandard KIM (Kommunikation im Medizinwesen) tauschen Ärzte in Kliniken und Praxen, Apotheker und Therapeuten sichere E-Mails, Befunde, signierte Dokumente wie Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen oder Arztbriefe und andere vertrauliche Dokumente aus. AKQUINET hat als einer der ersten Anbieter ein Kommunikationssystem entsprechend der Anforderungen von KIM entwickelt. Joachim ist als Berater für Compliance-Themen und Head of Product im Projekt aktiv.

Hallo Joachim, warum ist KIM für AKQUINET kein „normales“ Projekt?

Es ist in gleich mehreren Hinsichten nicht normal. Einmal haben wir hier keinen Auftrag eines Unternehmens erhalten. Wir haben den neuen KIM-Standard der gematik (früher hieß er noch KOM-LE) angeschaut und gesagt: Lass uns das umsetzen und entwickeln. Ebenfalls neu ist: Diesen Markt gab es vorher gar nicht, da die übergreifende Digitalisierung von Kommunikation und Datenaustausch in der Gesundheitsbranche gerade erst beginnt. Und das Projekt ist auch nicht normal, weil hier gleich vier AKQUINET-Gesellschaften an vielen Standorten und mehrere Externe zusammenarbeiten. So bringen wir unsere jeweilige Expertise von der Entwicklung der Anwendung inklusive eines Selfserviceportals, über Datenschutz und Informationssicherheit bis zu Hosting und Betrieb zusammen.

Bitte erzähl nochmal genauer, wie es überhaupt zum Start für KIM kam.

Wir bieten Telematikinfrastruktur-Leistungen an für die Gesundheitsbranche, kurz TI. Darauf baut KIM auf, denn ohne TI kann man KIM nicht nutzen. Entstanden ist das KIM-Projekt konkret aus einer Partnerschaft mit dem Unternehmen gmc heraus, das auf diese Branche spezialisiert ist. Das Unternehmen hat quasi den Vorgänger von KIM entwickelt namens „kv connect“. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung stellt es den in der in der KBV organisierten Ärzten bereit. Nun muss das System durch KIM abgelöst werden, so will es der Gesetzgeber bis zum Ende des Jahres 2020.

Was muss man leisten, um ein Produkt für das Medizinwesen entwickeln zu dürfen?

In solch einem regulierten Markt muss man die Anforderungen des Gesetzgebers bei der Produktentwicklung nachweisbar erfüllen und das Produkt zertifizieren lassen. Den Willen des Gesetzgebers setzt in unserem Fall die gematik um. Im Entwicklungsprozess müssen wir vereinfacht gesagt immer nachweisen, dass wir es richtig gemacht haben. Dabei geht es nicht nur um das Ergebnis, sondern auch um unsere Vorgehensweisen. Wir schreiben also Nachweisdokumente, in denen wir unsere Entwicklungsschritte erklären und unsere getroffenen Entscheidungen begründen. Die gematik prüft diese Dokumente und natürlich das Produkt eingehend.

Kennst du dich in der Gesundheitsbranche aus?

Ja, ich habe vorher in einem anderen Unternehmen IT-Medizinprodukte im Produktmanagement gearbeitet. Daher ist mir diese sehr prozessgetriebene Vorgehensweise mit den vielen Nachweisdokumenten bekannt und kann ich kann es im Team vermitteln. Denn als Entwickler muss man sich an diese aufwändige Arbeitsweise erst einmal gewöhnen 😉

Ist denn KIM den Belastungen gewachsen, wenn zigtausende Ärzte und Kliniken darüber kommunizieren werden?
Das ist ein ganz wichtiges Thema, weil es hier ja um die Gesundheit der Menschen geht. KIM muss laufen, sonst sind im schlimmsten Fall Patienten schneller beim behandelnden Arzt als die Unterlagen über sie. Wir fragen uns immer: Wie können wir schon jetzt in der Entwicklung von KIM sicherstellen, dass das System eine enorm hohe Verfügbarkeit, Belastbarkeit, Performance und natürlich Sicherheit bietet? Allein in der KBV sind über 120.000 Ärzte organisiert. Wir sprechen also von riesigen Datenmengen, die schnell und sicher transportiert werden sollen. Es ist nicht einfach, den späteren Betrieb und Support für einen noch nicht existierenden Markt zu planen. Nur um mal ein Beispiel zu nennen: Wir werden auch einen User Helpdesk aufbauen. Da fragen uns die Kollegen: “Ok, mit welchen Fragen müssen wir denn so rechnen, wenn jemand anruft?” — Das können wir schlicht nur erahnen. Aber es ist auch enorm spannend und wir haben ja durch die TI und viele andere große Kundenprojekte gewisse Erfahrungen darin.

Danke dir, Joachim, und viel Erfolg mit KIM!